DINGE, DIE SO HÄTTEN STATTFINDEN KÖNNEN …

Dr. Christoph Kivelitz

Der Alltag der postmodernen Medienwelt ist geprägt und getragen durch Personen,
die als Stars betrachtet werden. Von übergroßen Plakaten lächeln sie in den
Straßenraum hinunter, Boulevard-Magazine und -Zeitungen finden durch sie Glanz
und Glamour. Allabendliche Castingshows lassen uns lustvoll an ihrem Werden und
Vergehen Anteil nehmen. Um unsere Neugier zu befriedigen, werden uns durch Paparazzi
zu Sensationen aufgeputschte Nachrichten über die Arbeit, das Privat- und auch das
Innenleben der Stars zugeführt. Die öffentliche Aufmerksamkeit entscheidet gnadenlos
über Aufstieg und Erfolge dieser Ausnahmegestalten eines immer gleichförmiger
werdenden Alltags. Das Starphänomen wird zum Wertmaßstab und zur Sinnstiftung einer
das Individuelle und Besondere zunehmend auslöschenden Gesellschaft.
Das Idealbild des Stars versteht sich als Abglanz von Schönheit und einer in sich selbst
vollendeten Persönlichkeit, um damit aber auch alle Nuancen, Facetten und Widersprüche,
die dem menschlichen Wesen zu Eigen sind, zu überstrahlen.
Im weitesten Sinne lassen sich die Videos von Thorsten Wagner der Bildgattung des
Porträts zuordnen. Dem Künstler geht es darum, das Wesen einer Person eben gerade
auch in ihren Brüchen und Gegensätzen zum Ausdruck zu bringen. Menschen, die ihn
besonders faszinieren, deren soziale, kulturelle und individuelle Lebensumstände ihn
anziehen, sind ihm Ansatzpunkt für ein Szenarium, das sich in nicht mehr zu
differenzierender Weise zwischen Fact und Fiction bewegt. Recherchen über die
tatsächlichen Lebenswirklichkeiten dieser Menschen verbinden sich mit hypothetischen
Elementen. Vorgefundenes und Erdachtes werden so miteinander verschränkt, dass
hieraus ein komplexes Möglichkeitsbild erwächst. In feinen Abstufungen entsteht eine
Sozialstudie, die zwar von der Begegnung mit einem Individuum ausgeht, die sich nicht
aber explizit und exklusiv auf dieses zurück bezieht, vielmehr Elemente aus dessen Leben
mit anderen Milieus verschmilzt und eine über seinen Horizont auswachsende
Allgemeingültigkeit gewinnt.
Aus den verschiedenen Versatzstücken von Realität entwickelt Thorsten Wagner eine
Pars-pro-toto-Figur, die übergreifende gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge
erhellt. Als filmisches Set wählt Thorsten Wagner einen Ort aus, den er als Regisseur
behutsam verändert und gestaltet, um seinen jeweiligen Charakteren einen Rahmen zu
stiften, ihre Gedanken und Gefühle, Visionen und Besonderheiten auch im jeweiligen
Umfeld sicht- und spürbar werden zu lassen. Das Persönlichkeitsbild erweitert sich um
Vergangenheits- und Zukunftsaspekte.

So lässt der Künstler den Betrachter bei seinem Video »Crazy« in den Kosmos eines
Entertainers und eines Barpianisten eintauchen. Interview-Sequenzen wechseln sich mit
solchen aus den Auftritten der beiden Unterhaltungskünstler ab. Als Found Footage
eingeblendeter Applaus vermittelt die Atmosphäre einer Live-Übertragung, die sich
aufgrund der Mode und Frisuren der Zuschauer in den Kontext der 70er Jahre
zurückversetzen lässt. Damit eröffnet sich eine weitere, von der des Rezipienten
abgehobene Zeitebene, die sich allerdings mit dem Retro-Outfi t des Sir Archibald und
auch des Bar-Ambientes sinnvoll verbinden lässt. Dabei ist sich der Protagonist seines
widersprüchlichen Rollenbildes durchaus bewusst. Erinerseits erfüllt er das Klischee des
Künstlers als Außenseiter und Individualist, andererseits betrachtet er seine Aufritte
einfach nur als Job, der der Sicherung seines Lebensunterhalts und der kurzweiligen
Zerstreuung des Publikums dienen soll: »ich mag zwar nicht das Niveau eines
Entertainers aus Las Vegas erreichen, aber das macht nichts, und das empfindet mein
Publikum auch so, die wollen unterhalten werden und das bekommen sie.«
Der hierin sich artikulierenden Selbstbescheidung entspricht die eigentümlich
melancholisch gefärbte Grundstimmung der Pianobar. Idealbild als Künstler und Realität
als verschrobener Sonderling lassen sich schwerlich miteinander versöhnen.
Thorsten Wagner macht sich bei der Analyse dieses Sachverhalts zwar Verfahren des dokumentarischen Films zu Eigen, doch nicht im Sinne einer Bloßstellung. Nicht der
porträtierte Mensch wird in seiner Fragwürdigkeit entlarvt, vielmehr wird die Kategorie des
Stars grundsätzlich in Frage gestellt.

Das Video »Donnersperg« fokussiert einen Zeitzeugen, der anhand von Archivmaterialien
seine Zeit als Anhänger, Mitglied oder auch Leitfigur der fiktiven „Kommunistischen
Einheitspartei Deutschlands“ aufl eben lässt. Der Protagonist selbst erscheint als
gebrochene Persönlichkeit, die in ihren Erinnerungen Pathos und Aufbruchsstimmung
der untergegangenen Partei bewahrt, in ihrem trostlosen Alltagsleben jedoch gleichzeitig
den Illusionsverlust nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus resignativ vor Augen
führt. Das kärgliche Wohnambiente scheint gleichzeitig Clichévorstellungen über die
Lebensverhältnisse im DDR-Alltag zu bestätigen. Die politische Propaganda-Rhetorik
akzentuiert die Tristesse und Farblosigkeit der kärglichen Alltagsverrichtungen des
Ditterich von EulerDonnersperg.
Die Liedertafel Margot Honneckers verstärkt die assoziative Bezugnahme auf DDR-typische
Aufputschparolen, wohingegen die Verortung der Erinnerungen des Protagonisten in den
90er Jahren den historisch bekannten Sachverhalten widerspricht. Thorsten Wagner zitiert
Bilder und Motive, die tief im kollektiven Bewusstsein sowohl der West- als auch der
Ostdeutschen verankert sind. Durch die Verschränkung unterschiedlicher Zeit- und Bewusstseinsebenen vergegenwärtigt er das Fortwirken historischer Bezüge bis in unsere
aktuellen Lebenswelten hinein. So begegnet uns hier eine Persönlichkeit, der es nicht
gelungen sein mag, in der Nach-Wende-Zeit für sich eine neue Identität zu formulieren.
In der Symbolstruktur der »KED« verwurzelt, beschwört Donnersperg gleichzeitig aber auch
die Möglichkeit einer vom Konsens abweichenden Realität. Hier vermittelt Thorsten Wagner
das Bild einer Persönlichkeit, die in sich den komplizierten Prozess der Wiedervereinigung
verkörpert und durch ihr Erinnerungspotential – als Zeitzeuge – auch einen Horizont für
Veränderungen und Erneuerungen eröffnen kann.

Bei »Ich bin Franz Jansen« handelt es sich um eine komplexe interaktive Arbeit, die dazu
einlädt, über ein DVD Menü in eine Fülle von Aktionen und Kampagnen des Aktivisten Franz
Jansen einzudringen. Wiederum entblättert sich das Bild eines Sonderlings und
Außenseiters, der sich auf eher verlorenem Posten und mit völlig anachronistischen Mitteln
für Frieden einsetzt und in anarchischen Projekten seinen Lebenssinn gefunden hat.
Die teilweise mit Verkleidungen und Installationen am Straßenrand verknüpften
Interventionen gewinnen den Charakter künstlerischer Aktionen.
Künstler und politischer Aktivist scheinen gleichermaßen – wie Don Quijote – gegen die
Gegebenheiten der politischen und sozialen Wirklichkeit anzutreten, um damit in einer
Vergeblichkeitsschleife verfangen zu sein. Die Absurdität verstärkt sich durch die
Widersprüchlichkeit seiner Ziele, kämpft er doch für den Frieden, um gleichzeitig die USA,
Israel und die Nato zu unterstützen. Damit engagiert er sich für militärisch agierende
Mächte, die den außerparlamentarisch organisierten Friedensbewegungen als Feindbilder
gelten. Doch gerade die Widersinnigkeite seiner Mission verrückt seine Aktionen in die
Bereiche des Utopischen, um sich damit auch den Wertmaßstäben und Festlegungen
einer pragmatisch und rational ausgerichteten Medienöffentlichkeit grundsätzlich zu
entziehen.

Bei der Video-Arbeit »Profiling für Selbständige« handelt es sich schließlich um ein
Selbstporträt, in dem es aber gleichermaßen darum geht, Momente der Selbstbetrachtung
in eine übergreifende gesellschaftliche Milieuschilderung einzubinden. Der Titel evoziert
ein für die moderne Leistungsgesellschaft gängiges Coaching-Verfahren, in dem es um die
Ausdifferenzierung einer Existenzgründungsidee geht.
Die Eingangsszene zeigt – mit wackeliger Helmkamera aufgenommen – Szenen aus dem
Privatleben des Protagonisten. Die verwackelten Bilder stehen für Authentizität und eine
den Betrachter möglichst nah einbeziehende Unmittelbarkeit. Am Ende dieser Sequenz
steht das Öffnen eines Briefes, mit dem der Protagonist – also der Künstler selbst – die
Einladung zu einem »Profilingseminar« erhält, um damit den Übergang vom privaten ins
öffentliche Leben einzuleiten. Die sich anschließende Sequenz vermittelt einen Bruch: der
Protagonist sitzt in jovialer Haltung auf einer Art Clubsessel. Der ihm gegenüber aufgestellte
zweite Sessel suggeriert eine bevorstehende dialogische Situation. Steht am Anfang die
Aufforderung zur Professionalisierung und beruflichen identitätsbestimmung, so scheinen
hier bereits Erfolg und damit verbundenes gesellschaftliches Ansehen errungen zu sein.
Die Denkerpose bringt Überlegenheit und Selbstbewusstsein zum Ausdruck. Das Ambiente
entspricht dem Clichébild des Herrenzimmers, in dem – abgeschlossen von der Öffentlichkeit –
Entscheidungen getroffen und in einem verschwörerischen Ränkespiel Karrieren
vorbestimmt werden. Der hier bezeichneten elitären Abgeschlossenheit steht dann die
Ästhetik eines bei ›myspace‹ eingestellten Videoclips diametral entgegen. Es folge eine
Casting-Situation im nostalgisch anmutenden Ambiente eines Programmkinos.
Hier stehen dialogische Fragmente eines Kneipengesprächs neben Nah- und
Totalaufnahmen des Bewerbungskandidaten. Vielfältige Wechsel in der Kameraführung
und Präsentationsästhetik lassen diesen in den verschiedensten Facetten erscheinen.
Kaum vermittelt sich das Bild einer kohärenten Persönlichkeit, vielmehr das eines
Menschen, der um seinen gesellschaftlichen Platz in Worten, Gesten und Posen ringt.
Inhalts- und formale Ebene stehen dabei in einer Wechselwirkung, insofern der Protagonist
eine filmische Laufbahn anstrebt, während gleichzeitig die vielfältigen Filmschnitte seine
Fähigkeiten in diesem Bereich unter Beweis zu stellen.
So entsteht wiederum ein Persönlichkeitsbild, das autobiographische Bezüge in sich
aufhebt, sich auch auf die aktuelle Lebenslage Thorsten Wagners nach dem Abschluss
seiner Meisterklasse beziehen lässt, gleichzeitig aber auch die allgemein gesellschaftliche
Problematik des schwierigen und risikobeladenen Berufsfi ndungsprozesses in sich
verdichtet. Der Künstler kommentiert damit gleichermaßen die Psychologie einer durch Massenarbeitslosigkeit in ihrer Struktur fraglich gewordenen Gesellschaft, die in Casting-
Shows ein Alltagsvergnügen findet und das hierin sich artikulierende Leistungsprinzip,
elitäres Denken und Wertemuster als Motivationsfaktor begreift.

Im Gegensatz zu den Medien fokussiert der Künstler nicht die Stars dieses allgemein-gesellschaftlichen Rankings, um Spott über die hoffnungslosen Verlierer niedergehen
zu lassen. Er weicht vielmehr die vermeintlich eindeutigen Selektionsprinzipien auf.
Thorsten Wagner nimmt die Menschen ins Blickfeld, die sich diesem Raster nicht einfügen
'lassen. Gerade dadurch sind sie ihm Garanten einer vieldimensionalen, sich permanent in
der Identität neu bestimmenden Gesellschaft. Den Beschleunigungsmechanismen einer
zum Superstar und in die Öffentlichkeit drängenden Gesellschaft stellt er sich mit seiner
privat formulierten Entschleunigungsstrategie retardierend entgegen.


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